Die Elbe bei 63 Zentimetern und ein Konzept, das Personal braucht
Der Elbepegel Neu Darchau liegt auf dem Niveau von 2018. Am 7. Oktober beschließt der KUS-Ausschuss das Klimaanpassungskonzept für Hamburg-Mitte.
Stephanie Wittern ca. 6 Min. Lesezeit Lesezeit
Der Pegel Neu Darchau stand heute um 13.30 Uhr bei 63 Zentimetern. An diesem Pegel misst die Hamburger Umweltbehörde das Niedrigwasser der Elbe: Er ist der letzte Messpunkt oberhalb Hamburgs, den Tide und Rückstau nicht verfälschen, und deshalb ihr Referenzpegel. Das mittlere Niedrigwasser liegt dort bei 108 Zentimetern, der mittlere Wasserstand bei 242, jeweils im Mittel der Jahre 2010 bis 2020. Der niedrigste je gemessene Wert stammt vom 4. September 2018 und beträgt ebenfalls 63 Zentimeter. Gestern früh um drei zeigte die Messung 62.
„Neuer Rekord“ schreibe ich trotzdem nicht. Was da laufend aus der Messstelle kommt, sind Rohdaten. Die Wasserstraßenverwaltung trägt einen Rekord erst ein, wenn Feinmessung und Tagesmittel geprüft sind. Belastbar ist: Die Elbe liegt auf dem Niveau von 2018.
Zur Ehrlichkeit gehört auch das Gegenstück. Heute ist bundesweit keine einzige Warnung des Deutschen Wetterdienstes aktiv, auch in Hamburg nicht. Die Hitze dieses Sommers lag im Juni, mit sechs Heißen Tagen in Hamburg, sämtlich am Monatsende, und noch einmal Ende Juli. Im bundesweiten Vergleich war der Norden die gemäßigte Seite. Wer für Hamburg von Rekordhitze spricht, übertreibt. Belegen lässt sich etwas anderes: ein Juli mit rund 46 statt der üblichen 77 Liter Regen pro Quadratmeter, und ein Wassersystem, das darauf reagiert.
Was die Zahlenreihe der Umweltbehörde zeigt
Ein Pegelstand an einem Augusttag ist Wetter. Interessant wird er durch die Reihe, in der er steht.
Die BUKEA führt „Niedrigwassertage der Elbe“ als eigenen Klimaindikator, mit Neu Darchau als Referenz. Zwischen 1961 und 1990 verteilten sich diese Tage noch ungefähr gleich auf Sommer- und Winterhalbjahr. Zwischen 1991 und 2020 fielen über 63 Prozent davon ins Sommerhalbjahr. Mehr als 200 Niedrigwassertage gab es in den Jahren 2003, 2018 und 2019. Für den Sommer ist der Trend statistisch steigend, für den Winter zeigt sich bisher keiner.
Diese Auswertung stammt aus dem Klimainformationssystem der eigenen Fachbehörde. Sie sagt: Die Elbe führt im Sommer immer häufiger wenig Wasser. Damit ist das keine Wetterlaune mehr. Eine solche Verschiebung gehört in die Planung.
Weniger Schiff heißt mehr Lkw
Am 11. August hat die Innenbehörde das Sonn- und Feiertagsfahrverbot für Lkw ausgesetzt, befristet bis zum 31. August. Die Begründung: Die Binnenschifffahrt sei durch die Trockenheit stark beeinträchtigt, Elbe, Donau und Rhein führten Niedrigwasser.
Das ist eine nüchterne Verwaltungsentscheidung, und sie ist nachvollziehbar. Sie macht aber sichtbar, wie sich Trockenheit fortpflanzt. Was das Schiff nicht mehr trägt, trägt der Lastwagen. Auch sonntags, und auch über Straßen in Hamburg-Mitte, an denen Menschen wohnen.
Der Hafen selbst läuft weiter. Anfang August erreichten die großen Container- und Frachtschiffe ihre Terminals ohne Einschränkung, der Abschnitt zwischen Geesthacht und Brunsbüttel war unproblematisch. Während oberstrom Güterschiffe stillliegen, bleibt Hamburg erreichbar. Die Trockenheit macht die Elbe für uns nicht unpassierbar. Sie verschiebt Lasten.
Unter der Wasseroberfläche fehlt Sauerstoff
Niedrigwasser ist nicht allein eine Frage der Fahrrinne. Fische brauchen mindestens 4 Milligramm Sauerstoff pro Liter Wasser; unter etwa 3 Milligramm wird es für die meisten Arten tödlich. Der WWF hat Anfang Juni an der Messstation Seemannshöft Werte unter 2 Milligramm dokumentiert, zeitweise auch bei Blankenese. Derselbe Bericht nennt für 2025 über 80 Tage unter der kritischen Marke und für 2024 über 90 Tage, davon 26 unter 2 Milligramm. Der WWF fordert daraus abgeleitet, die Elbvertiefung teilweise zurückzunehmen. Das ist die Position eines Umweltverbands, und man muss sie nicht teilen, um die Messwerte ernst zu nehmen.
Anfang August hielt die Umweltbehörde lokale Fischsterben für wahrscheinlich. Wahrscheinlich, nicht festgestellt. Der Unterschied ist wichtig, und ich will ihn nicht wegreden.
Belegt ist dagegen die Richtung. Am 1. Juli hat die BUKEA ihre Stintstudie vorgelegt. Sie benennt steigende Temperaturen, Sauerstoffmangel und strukturelle Veränderungen im Gewässer als Ursachen für den Druck auf den Bestand, besonders in den frühen Entwicklungsstadien. Und sie nennt Ansatzpunkte, die kommunalpolitisch anschlussfähig sind: Flachwasserzonen wiederherstellen, Ufer ökologisch aufwerten, Laich- und Aufwuchsgebiete besser vernetzen. Stadtnatur hört in Hamburg-Mitte nicht an der Kaikante auf.
Ein Punkt daran ärgert mich besonders. Die Messstation Seemannshöft, die wichtigste Sauerstoffmessstelle der Tideelbe, war wegen baulicher Schäden rund zwei Jahre außer Betrieb. Seit dem 27. April läuft dort wieder ein Messbetrieb, allerdings nur provisorisch; den vollen Betrieb erwartet die Behörde für den Herbst. Zwei Sommer mit Sauerstoffkrise, und die Messstelle, die sie hätte dokumentieren sollen, stand still. In meinem früheren Beruf galt: Wer eine Anlage sicher fahren will, braucht Messwerte. Kein Messwert, keine Aussage. Für einen Fluss gilt dasselbe.
Am 7. Oktober liegt das Konzept im Ausschuss
Hier hört mein Kommentieren auf, und meine Zuständigkeit fängt an. Am 7. Oktober soll der Ausschuss für Klimaschutz, Umwelt und Stadtnatur, dem ich vorsitze, das Konzept zur nachhaltigen Klimaanpassung und für natürlichen Klimaschutz beschließen, kurz KLAK.
Das Konzept bringt eine Klimawirkungsanalyse für den gesamten Bezirk mit und weist Hotspots für Hitze, Starkregen und Hochwasser aus. Genau daran fehlt es bisher: Wer heute wissen will, welche Straßen in Horn, Hamm oder Billstedt sich im Sommer am stärksten aufheizen, findet dazu öffentlich keine Zahlen. Was Klimaanpassung im Stadtteil konkret bedeutet, habe ich für Horn schon einmal zusammengetragen, von der Schwammstadt bis zur Gründachförderung: Klimaanpassung in Hamburg-Horn. Die Bezirksversammlung hat am 25. Juni beschlossen, das Konzept zu realisieren und ein kontinuierliches Controlling aufzubauen.
Und dann steht da noch ein offener Punkt. In der Drucksache 23-1731 ist festgehalten, dass eine dreijährige Anschlussförderung nötig ist, um eine befristete Personalstelle weiterzufinanzieren: Projektkoordination, Förderakquise, Controlling. Das Projekt selbst läuft bis zum 31. Januar 2027. Beschlossen werden soll das Konzept am 7. Oktober 2026. Zwischen Beschluss und Projektende liegen also knapp vier Monate.
Ein Klimaanpassungskonzept ist kein Dokument, das man einmal beschließt und dann ablegt. Es ist eine Liste von Maßnahmen, die jemand koordinieren, in Förderanträge übersetzen und nachhalten muss. Wenn wir am 7. Oktober beschließen und die Stelle danach ausläuft, beschließen wir ein Papier. Ob das Konzept im Bezirk tatsächlich stattfindet, hängt an dieser einen Stelle. Beim Klimaschutz ist es dasselbe: Beschlossene Maßnahmen brauchen jemanden, der sie durch die Verwaltung trägt.
Wie das andernfalls ausgeht, lässt sich in Hamburg gerade an einem anderen Beispiel beobachten. Im August 2025 hat die Bürgerschaft auf Antrag von SPD und Grünen einstimmig beschlossen, das öffentliche Trinkwasserangebot deutlich auszubauen und bis zum 1. Juli 2026 ein gesamtstädtisches Konzept vorzulegen. Ende Juni 2026 gab es 56 öffentliche Trinkwasserbrunnen in ganz Hamburg, und seit dem Beschluss war kein einziger neuer dazugekommen. Die Frist ist verstrichen. Das ist ein Landesthema und keins der Bezirke, und ich trage es nicht als Vorwurf vor, schon weil meine eigene Partei den Antrag mitgestellt hat. Aber es zeigt, wie schnell aus einem einstimmigen Ja ein liegengebliebener Vorgang wird, wenn niemand dahintersitzt und nachhält.
Warum das mehr als Verwaltungsroutine ist, steht im Wochenbericht des Robert Koch-Instituts vom 6. August: geschätzte 11.900 hitzebedingte Sterbefälle in Deutschland im Jahr 2026, Stand Kalenderwoche 30. 6.060 davon entfallen auf Menschen ab 85 Jahren, also mehr als die Hälfte. Eigene Hamburger Zahlen liegen mir dazu nicht vor. Die Altersverteilung genügt aber, um zu wissen, wen Hitze in dieser Stadt trifft: die Menschen, die nicht mehr eben ins kühle Grün ausweichen oder sich unterwegs etwas zu trinken holen.
Zwei Dinge will ich bis zum 7. Oktober geklärt haben. Erstens, was die Anschlussförderung konkret kostet; das ist eine Frage ans Bezirksamt, und ich werde sie stellen. Zweitens, welche Bereiche in Hamburg-Mitte die Klimawirkungsanalyse als Hitze-Hotspots ausweist. Das steht im Konzeptentwurf, und ich halte es für selbstverständlich, dass die Menschen, die dort wohnen, es nachlesen können.