Stadtteileltern Hamburg-Horn: Brückenbauerinnen im Quartier
Stadtteileltern in Hamburg-Horn und Billstedt helfen Familien mit Migrationsgeschichte bei Kita, Schule und Behörden - auf Augenhöhe, mehrsprachig.
Wer neu nach Hamburg-Horn oder Billstedt kommt, steht schnell vor einer Wand aus Formularen, Fachbegriffen und Terminen, bei denen man auf Deutsch funktionieren muss – auch wenn man die Sprache noch kaum spricht. Kita-Anmeldung, Schularztermin, Lernentwicklungsgespräche: Das alles klingt für neu zugewanderte Familien erstmal abstrakt und einschüchternd. Genau hier setzen die Stadtteileltern Hamburg-Horn an – und ich finde dieses Projekt großartig, weil es Integration so versteht, wie sie wirklich funktioniert: auf Augenhöhe, im Viertel, von Mensch zu Mensch.

Was sind Stadtteileltern – und warum brauchen wir sie?
Das Projekt der Stadtteileltern ist ein Peer-to-Peer-Beratungsangebot: Engagierte Menschen mit eigener Migrationsgeschichte begleiten andere Familien durch das deutsche Bildungs-, Gesundheits- und Verwaltungssystem. Sie sind keine professionellen Dolmetscher:innen – sie sind Kulturmittlerinnen und Kulturmittler, die aus eigener Erfahrung wissen, wie es sich anfühlt, in einem fremden System zurechtzukommen.
Der Entwicklungsraum Billstedt-Horn ist das größte Stadtteilentwicklungsgebiet in Hamburg – kulturell vielfältig, lebendig, aber auch geprägt von sozialen Herausforderungen. Viele Familien sprechen zuhause kein Deutsch, müssen aber täglich mit Schulen, Kitas, Ärzt:innen und Behörden kommunizieren. Das erzeugt eine strukturelle Ungerechtigkeit: Nicht mangelnder Wille, sondern sprachliche und kulturelle Barrieren verhindern Teilhabe. Die Stadtteileltern Hamburg-Horn bauen genau diese Barrieren ab.
Der Begriff „Stadtteileltern” ist dabei etwas irreführend – es sind überwiegend Frauen, häufig Mütter, die diese Arbeit übernehmen. Die Bezeichnung „Stadtteilmütter” wäre treffender, hat sich aber neben „Stadtteileltern” als parallele Bezeichnung etabliert.
Wo sind Stadtteileltern aktiv – und wer trägt das Projekt?
Die operative Umsetzung des Projekts im Hamburger Osten liegt in den Händen verschiedener Trägerorganisationen:
- Billstedt und Billbrook: Stiftung das Rauhe Haus, Koordination: Billstedter Hauptstraße 80
- Mümmelmannsberg: Sonnenland e.V. (Sonnenland 13, 22115 Hamburg)
- Hamm, Borgfelde und Rothenburgsort: Caritas im Norden (Borgfelder Straße 76, 20537 Hamburg)
Im Raum Horn/Billstedt sind aktuell rund 20–25 Stadtteileltern aktiv. Diese Zahl schwankt je nach laufenden Qualifizierungsrunden und Fluktuation im Ehrenamt.
In welchen Sprachen helfen die Stadtteileltern?
Sprache ist das wichtigste Werkzeug dieses Projekts – aber Kulturmittlung geht weit darüber hinaus. Ein Begriff wie „Vorschulklasse” oder „Frühförderung” erfordert oft eine kontextuelle Einordnung, die reine Wörter nicht leisten können. Institutionelles Misstrauen lässt sich abbauen, wenn jemand erklärt, warum diese Termine wichtig sind und was sie bedeuten.
Das aktuelle Sprachportfolio im Hamburger Osten umfasst unter anderem:
| Sprachen | Standort / Träger |
|---|---|
| Arabisch, Dari/Farsi, Englisch, Ukrainisch | Stiftung das Rauhe Haus (Billstedt) |
| Russisch, Türkisch | Sonnenland e.V. (Mümmelmannsberg) |
| Englisch | Caritas im Norden (Hamm/Borgfelde) |
Die Stiftung das Rauhe Haus hat ihr Angebot gezielt um ukrainischsprachige Begleitung erweitert, um dem gestiegenen Bedarf durch geflüchtete Familien aus der Ukraine gerecht zu werden. Das Sprachportfolio insgesamt wird laufend an den Bedarf im Quartier angepasst.
Abgrenzung zu professionellen Dolmetscher:innen
Die Stadtteileltern leisten bewusst keine juristisch verbindlichen Dolmetscherleistungen – also keine beurkundeten Übersetzungen für Behörden, Gerichte oder Notare. Für solche Aufgaben braucht es zertifizierte Fachübersetzerinnen und Fachübersetzer.
Was die Stadtteileltern leisten: alltägliche Sprachvermittlung und Kulturmittlung bei pädagogischen und medizinischen Terminen. Und das unter strikter Schweigepflicht.
So läuft die Kontaktaufnahme ab – Schritt für Schritt
Ein niedrigschwelliges Angebot verliert seine Wirksamkeit, wenn der Zugang bürokratisch ist. Das Projekt hat das clever gelöst: Familien müssen in der Regel nicht selbst die Initiative ergreifen.
- Bedarf feststellen: Eine pädagogische Fachkraft in Schule oder Kita erkennt, dass für ein anstehendes Gespräch eine muttersprachliche Begleitung sinnvoll wäre – etwa für die Viereinhalbjährigen-Vorstellung oder ein Lernentwicklungsgespräch.
- Einwilligung einholen: Die Einrichtung fragt die Familie, ob sie Unterstützung durch Stadtteileltern möchte. Die Eltern müssen der Weitergabe ihrer Telefonnummer explizit zustimmen.
- Matching durch die Koordination: Die Einrichtung kontaktiert den zuständigen Träger. Dieser prüft, wer die benötigte Sprache spricht und zeitlich verfügbar ist.
- Direkter Kontakt: Die Stadtteilmutter oder der Stadtteilelternteil meldet sich in der Muttersprache der Familie, stellt sich vor und vereinbart die Begleitung.
Dieses Vorgehen entlastet gleichzeitig Schulen und Kitas. An wichtigen Schnittstellen – etwa bei der Weitergabe von Beurteilungsbögen (B-Bögen) zwischen Kita und Grundschule – fangen die Stadtteileltern Informationslücken auf.
Ausbildung: Mehr als Übersetzen
Die Stadtteileltern sind keine Laienhilfen – sie durchlaufen eine strukturierte Qualifizierung, die sich über ca. 20–25 Wochen (rund ein halbes Jahr) erstreckt. Die Schulung umfasst ca. 100–120 Unterrichtsstunden, die in der Regel zweimal wöchentlich zu je 3–4 Stunden stattfinden – parallel zu den Hamburger Schulzeiten. Voraussetzungen für die Teilnahme sind:
- Deutschkenntnisse auf Niveau B2
- Tiefe Verwurzelung in Billstedt, Billbrook oder Horn
- Gültige Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis
Die Schulung vermittelt konkretes Fachwissen:
- Hamburger Bildungssystem: Von der Kita-Gutschein-Beantragung bis zum Schulsystem und seinen Besonderheiten
- Rechtliche und finanzielle Grundlagen: Grundkenntnisse im SGB II und SGB XII, Kindergeld, Unterhaltsvorschuss
- Gesundheitssystem: U-Untersuchungen, Impfempfehlungen, Notfallversorgung
- Interkulturalität und Professionalität: Schweigepflicht, professionelle Distanz, Umgang mit schwierigen Situationen
Für ihre Arbeit erhalten die Stadtteileltern eine Aufwandsentschädigung. Aktive Kräfte leisten in der Regel 5–10 Stunden pro Woche (max. 30–40 Stunden im Monat); die Entschädigung orientiert sich an der steuerfreien Ehrenamtspauschale und liegt bei ca. 200–250 € pro Monat, abhängig von der tatsächlichen Einsatzzeit. Für viele Teilnehmerinnen – häufig Frauen, die bisher keinen Zugang zum Arbeitsmarkt hatten – ist diese Qualifikation auch ein Einstieg in eine neue berufliche Perspektive.

Das Netzwerk vor Ort: Wohin die Stadtteileltern führen
Die Stadtteileltern arbeiten nicht isoliert – sie sind eingebettet in ein lokales Netzwerk, das ich als Bezirksabgeordnete und Vorstandsmitglied des Stadtteilhauses Horner Freiheit hautnah erlebe.
Stadtteilhaus Horner Freiheit
Das Stadtteilhaus Horner Freiheit (Am Gojenboom 46) bündelt unter einem Dach, was Familien brauchen: Bücherhallenfiliale, Integrationskurse, Beratungsstellen und Begegnungsräume. Es ist ein natürlicher Knotenpunkt, an dem Stadtteileltern regelmäßig tätig sind und Familien erstmals Zugang zum lokalen Hilfsnetz finden.
Eltern-Kind-Zentren (EKiZ)
In den lokalen EKiZ sind die Stadtteileltern fest eingebunden – etwa beim Hebammenfrühstück oder bei Elternabenden. Sie sorgen dafür, dass Informationen auch bei Familien ankommen, die ohne Sprachvermittlung nicht erreicht würden.
Elternschule Horner Geest
Die Elternschule Horner Geest hält ein breites Programm für Familien bereit, das von Erziehungsthemen bis zu Sprachkursen reicht. Stadtteileltern können den Brückenkopf bilden, der Familien den Weg zur Elternschule erst eröffnet.
Kitas und Grundschulen in Horn
Die Verbindung zu den Kitas in Hamburg-Horn und den Grundschulen in Hamburg-Horn ist zentral: Hier werden die meisten Einsätze initiiert, hier entsteht der konkrete Bedarf – und hier wirkt die Begleitung durch Stadtteileltern am unmittelbarsten.
Nachbarschaftsnetzwerke und Gemeinschaftsgärten
Der Gemeinschaftsgarten „Horner Paradiese” neben dem Stadtteilhaus ist ein Beispiel dafür, wie Integration auch jenseits formaler Strukturen gelingt: beim gemeinsamen Gärtnern entstehen Gespräche, Vertrauen und Freundschaften – auch ohne Sprachmittlung. Mehr zu ähnlichen Angeboten findet sich unter Nachbarschaftshilfe Hamburg-Horn.
Hamburg-Horn und der Entwicklungsraum Billstedt/Horn
Der Entwicklungsraum Billstedt-Horn, zu dem auch Horn gehört, hat jahrelang von Förderprogrammen des Rahmenprogramms Integrierte Stadtteilentwicklung (RISE) profitiert. Diese Förderung läuft voraussichtlich aus. Mehr Hintergründe zum Stadtteil und seiner Entwicklung gibt es auf der Seite Hamburg-Horn im Überblick sowie zur RISE-Förderung.
Meine politische Einordnung
Echte, gelebte Integration findet immer direkt im Viertel statt. Die Stadtteileltern Hamburg-Horn sind das beste Beispiel dafür, wie Zusammenhalt funktioniert: nicht durch große Gesetze, sondern durch konkrete menschliche Begegnung. Sie ermöglichen Chancengleichheit für Kinder in Hamburg-Mitte – unabhängig von Herkunft oder Muttersprache.
Als Bezirksabgeordnete und Mitglied des SGS-Ausschusses (Soziales, Gesundheit & Sport) setze ich mich dafür ein, dass niedrigschwellige Beratungsangebote wie die Stadtteileltern auch nach dem Auslaufen von Sonderprogrammen nahtlos weiter finanziert werden. Stadtteilentwicklung, soziale Integration und Klimaschutz müssen ganzheitlich gedacht werden: Wenn ein Großprojekt wie die U4 Horner Geest den Hamburger Osten physisch erschließt, muss die soziale Infrastruktur im gleichen Takt mitwachsen. Nur so profitieren wirklich alle vom Wandel.
Bildungsinfrastruktur für Familien in Hamburg-Horn: Familie, Bildung und Soziales in Hamburg-Horn
Häufige Fragen
- Welche Termine begleiten die Stadtteileltern konkret?
- Typische Einsätze sind Elterngespräche in der Kita, Lernentwicklungsgespräche (LEG) in der Schule, Termine beim Schularzt sowie Informationsveranstaltungen wie das Hebammenfrühstück. Sie können auch bei der Weitergabe von Beurteilungsbögen zwischen Kita und Grundschule unterstützen.
- Wie nehme ich als Familie Kontakt auf?
- In der Regel muss die Familie nicht selbst aktiv werden. Pädagogische Fachkräfte in Kita oder Schule stellen den Bedarf fest, fragen die Eltern um Einwilligung und kontaktieren dann den zuständigen Träger. Die Stadtteilmutter oder der Stadtteilelternteil meldet sich dann direkt in der Muttersprache der Familie.
- Können die Stadtteileltern auch bei rechtlichen oder behördlichen Fragen dolmetschen?
- Nein. Die Stadtteileltern leisten bewusst keine juristisch verbindlichen Dolmetscherleistungen. Für rechtlich bindende Übersetzungen sind zertifizierte Fachübersetzerinnen und Fachübersetzer zuständig. Die Stadtteileltern helfen jedoch beim alltäglichen Verstehen von Schreiben, Formularen und Gesprächen.
- Welche Sprachen werden in Horn und Billstedt angeboten?
- Das Sprachportfolio umfasst Arabisch, Dari/Farsi, Türkisch, Russisch, Polnisch, Englisch und seit neuestem auch Ukrainisch. Die Stiftung das Rauhe Haus hat das Angebot aufgrund des gestiegenen Bedarfs durch geflüchtete Familien aus der Ukraine gezielt erweitert. Das Portfolio wird laufend an den aktuellen Bedarf im Quartier angepasst.
- Kann ich selbst Stadtteilelternteil werden?
- Ja. Träger wie die Stiftung das Rauhe Haus suchen regelmäßig nach neuen Kräften. Voraussetzungen sind Deutschkenntnisse auf B2-Niveau, eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis sowie eine Verwurzelung im Quartier. Für neue Ausbildungsdurchgänge gibt es üblicherweise eine Warteliste.
- Wer ist der richtige Ansprechpartner für Familien in Horn und Billstedt?
- Für den Hamburger Osten (Billstedt, Billbrook) ist die Stiftung das Rauhe Haus zuständig, Koordination: Billstedter Hauptstraße 80. In Mümmelmannsberg ist Sonnenland e.V. (Sonnenland 13, 22115 Hamburg) der richtige Ansprechpartner, in Hamm, Borgfelde und Rothenburgsort die Caritas im Norden (Borgfelder Straße 76, 20537 Hamburg).
- Wird die Arbeit der Stadtteileltern bezahlt?
- Die Stadtteileltern erhalten eine Aufwandsentschädigung. Bei einem Einsatz von 5–10 Stunden pro Woche (max. 30–40 Stunden im Monat) sind das ca. 200–250 € pro Monat, orientiert an der steuerfreien Ehrenamtspauschale. Für viele, insbesondere Frauen mit eigener Migrationsgeschichte, ist die Qualifikation auch ein Einstieg in den regulären Arbeitsmarkt.
Quellen
- Das Rauhe Haus: Hamburg bedankt sich bei den Stadtteileltern
- IEK Fortschreibung Billstedt/Horn - BV Hamburg-Mitte
- RISE Abschlussbilanzierung Billstedt/Horn - BV Hamburg-Mitte
- AG Gemeinsam am Übergang Horn/Billstedt - Hamburg.de
- Elternschule Horner Geest - Hamburg.de
- Horner Paradiese - Horner Freiheit
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Deine Ansprechpartnerin
Ich bin Stephanie Wittern –
deine Grünenpolitikerin für Hamburg-Mitte.
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